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International Atheist Convention, held by IBKA, AAI and gbs – Köln, 22.-24. Mai 2015

Eine wirklich spannende Konferenz. Dies lag – abgesehen von den fantastischen Rednerinnen und Rednern – vor allem daran, dass sie uns die unterschiedlichen internationalen Aspekte des Säkularisierungsprozesses bewusst machte. Oft genug sind wir zu sehr mit der eigenen Gesellschaft und ihrer Probleme beschäftigt, als dass wir den Blick auf den globalen Trend werfen würden. Natürlich nehmen wir die schrecklichen Phänomene wahr, die religiöser Wahn in Hass und Gewalt ummünzt. Doch scheinen uns diese so betroffen zu machen, dass die Gegenbewegung uns aus dem Blickwinkel rutscht. So geht es jedenfalls mir.

Die erfolgreiche Umsetzung säkularistischer Positionen in gesellschaftliche Realität macht besonders die positive Entwicklung in Irland deutlich – dies etwa durch die großartige Meldung, die uns am Samstag Nachmittag jubeln ließ: Irland ist das erste Land der Welt, dass per Referendum (und also nicht durch parlamentarischen Beschluss!) die Ehe für alle Menschen öffnet. Dies ist ein offensichtliches Zeichen für den Wandel, den das vermeintlich erzkatholische Irland in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat. Ein sichtlich stolzer Michael Nugent, der seinen Vortrag über diese Entwicklung mit dem Satz beeendete „I’m really looking forward to coming back to an Ireland that has changed so much since I left it some days ago“, nennt seine Heimat dementsprechend auch „not a catholic country, but a country under Catholic law“. Denn die Abkehr nicht nur von der römisch-katholischen Kirche, sondern der Verlust der religiösen Bindung selbst ist gerade in Irland signifikant. Die Skandale, die die irische katholische Kirche in den letzten Monaten durchzumachen hatte, taten dazu ihr übriges.

Völlig anders sieht dagegen leider die Entwicklung in der Türkei aus. Hier sind die religiösen Machthaber der AKP unter Erdogan gerade dabei, die ehemalige säkulare kemalistische Republik in einen Gottesstaat unter präsidialer Hegemonie zu verwandeln. Morgan Elizabeth Romano berichtete über diese Entwicklungen und die Arbeit der noch sehr jungen und sehr kleinen atheistischen Vereinigung in der Türkei. Und die religiöse Unterdrückung, die sich über die letzten Jahre im Land eingeschlichen haben, betrifft vor allem Frauen.

Dabei ist signifikant (und es kam während der Tagung öfter zur Sprache): die säkulare Bewegung ist eben auch eine feministische Bewegung – und sie muss es sein. Und so sind es auf der Konferenz gerade die Frauen, die Zeichen setzen: Nada Peratovic (Kroatien), Arzu Toker (Deutschland/Türkei), Maryam Namazie (UK/Iran), Annie Laurie Gaylor (USA). Doch nicht allein Frauenrechte – alle Menschenrechte gilt es weltweit durchzusetzen. Wir müssen das Projekt Aufklärung weiterführen, wie PZ Myers appelliert. Es gibt keinen echten Säkularismus ohne Freiheit, Gleichheit und das Eintreten für die Durchsetzung der Menschenrechte für alle Menschen. Und Colin Goldner geht noch einen Schritt weiter – in seinem emotionalen Beitrag fordert er Grundrechte auch für die Großen Menschenaffen ein: Schimpansen, Bonobos, Orang Utans, Gorillas.

Aus der Vielzahl der Vorträge möchte ich noch zwei hervorheben, die sich dem Thema widmeten, dem meine besondere Aufmerksamkeit gilt: Religion und Gewalt. „Säkularismus ist die Lösung“ ist der Titel des Vortrags von Michael Schmidt-Salomon, den er sich beim saudi-arabischen Säkularisten Raif Badawi geliehen hat. Ohne die konsequente Trennung von Kirche und Staat (und – so möchte ich hinzufügen – Gesellschaft und Religion) „wird es nirgends auf der Erde Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit geben“. Frieden gibt es, wo Religion herrscht, nur für die „In-Group“ – also für die eigene Gemeinschaft -, selten aber für die „Out-Group“- also Anders- oder Nichtgläubige. An vielen Beispielen macht Carsten Frerk dies in seinem Beitrag „Religion als Brandbeschleuniger“ deutlich – in einer Art Schnelldurchlauf durch die (vor allem europäisch dominierte) Geschichte weist er auf die Beteiligung, wenn nicht gar Haupttäterschaft religiöser Gemeinschaften in den wichtigsten militärischen Konflikten hin.

Abschließend möchte ich insbesondere Leo Igwe aus Nigeria und Valentin Abgottspon aus der Schweiz danken. Valentin, weil er uns gezeigt hat, welche schlagkräftige Waffe der Humor für uns sein kann. Und Leo, weil er uns auf seine wunderbare und unnachahmliche Art deutlich gemacht hat, dass man nicht auf einem Zaun stehen kann – entweder entscheidet man sich für eine Seite (nämlich religiöse Intoleranz zuzulassen oder aber schonungslos das säkulare Projekt voranzutreiben) oder man verliert den Halt und fällt. Und so lautet das Fazit der Tagung: Seien wir nicht nur „Freethinker“, sondern auch „Freedoer“.

Bilder und Filme von der Tagung auf www.ibka.org

 

Sehr geehrter Herr Oebbecke,

sicher wurden Sie in den letzten Tagen mit Anrufen, Briefen und E-Mails überhäuft, in denen Menschen sich zum Fall der in Ihrer Gesellschaft beschäftigten Erzieherin Elisabeth Sinnerbrink äußern.
Auch unsere Gruppe hat davon aus den Medien erfahren. Als evolutionäre Humanistinnen und Humanisten möchten auch wir dazu Stellung nehmen.

Die Einrichtung, die Sie leiten, ist von den Grundsätzen der römisch-katholische Religion bestimmt. Fragt man römisch-katholische Christinnen und Christen, was denn die Grundlagen dieser Religion seien und was sie von anderen unterscheide, so hört man oft die berühmten Stichworte: Nächstenliebe, Gnade, Barmherzigkeit. Und tatsächlich: immer wieder liest und hört man von Menschen, die so leben und handeln. Diese Menschen bilden das Rückgrat dieser mehr als 1000 Jahre alten Religion. Doch schaut man sich die Verwalter dieser Religion an (ja, es sind nur Männer!), dann muss man feststellen – diese scheinen die Grundlage ihrer eigenen Religion nicht zu beherzigen. In den vergangenen 1000 Jahren wurde von diesen Führern so viel Unglück und Leid über die Menschen und die Welt gebracht, dass man sich immer wieder verwundert die Augen reibt und sich fragt, wie Reden und Handeln denn eigentlich zusammenpasse. Humanismus scheint der römisch-katholischen Kirche in ihren obersten Gremien ein Fremdwort zu sein. Man nennt dieses Phänomen – Scheinheiligkeit.

So auch im vorliegenden Fall. Hier wird einem Menschen die Lebensgrundlage genommen – nämlich das Einkommen -, mit der Begründung, dieser Mensch würde sich im Privatleben nicht an die Regeln halten, die die römisch-katholische Kirche für ihre Mitglieder aufgestellt habe und sei deswegen ungeeignet, den Erziehungsauftrag durchzuführen. Sicher, Sie haben das Recht auf Ihrer Seite. Dieses gewährt den weltanschaulich nicht neutralen Einrichtungen das Sonderrecht, Loyalitätspflichten von ihren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu verlangen. Ihr Verhalten ist aber das genaue Gegenteil von Nächstenliebe, Gnade und Barmherzigkeit.
Und deshalb müssen Sie sich folgende Fragen gefallen lassen:

Ist Frau Sinnerbrink ganz plötzlich und über Nacht ein anderer Mensch geworden, nur weil sie ein zweites Mal geheiratet hat? Was ist eigentlich der Auftrag von Erzieherinnen und Erziehern in Ihren (zum größten Teil aus Steuergeldern finanzierten) Kindertageseinrichtungen – Erziehung zum römisch-katholischen Christentum? Wie passt das zusammen, dass Ihre Einrichtung nebst Angestellten zu größten Teilen aus Steuermitteln aller Steuerzahlen und Steuerzahlerinnen finanziert wird, obwohl nicht einmal ein Drittel dieser „Finanzierer“ Ihrer Religion angehört ? Wozu braucht eine Religionsgemeinschaft überhaupt Wirtschaftsbetriebe, wenn ihr Geschäft doch angeblich das Seelenheil ihrer Mitglieder ist?

Wir hoffen, dass wir Ihnen mit diesen Fragen einen Denkanstoß geben konnten. Wir wünschen uns, dass Ihre Einrichtung sich zum säkularen Staat bekennt und freiwillig auf die Durchsetzung der Loyalitätspflicht bei nichttheologischen Berufen verzichtet.

Mit freundlichen Grüßen,

Wieder einmal versucht das Weiße Kreuz, das sich laut Selbstdefinition der „Sexualethik“ verschrieben hat, seine Kritiker an der Nase herumzuführen. In seinem „Antidiskriminierungspapier“ vom Oktober 2013 wird mit dem Begriff der Diskriminierung derartig frech jongliert, dass den aufmerksamen Leserinnen der Atem stockt.

Doch zunächst: was versteht man allgemein unter „Diskriminierung“? Diskriminierung ist die Herabsetzung einer Person oder Gruppe aufgrund gruppenspezifischer Merkmale. Das Grundgesetz benennt diese auch: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz fügt noch Weltanschauung, Alter und sexuelle Identität hinzu. Wir bemerken hier, dass die genannten Merkmale unveränderlicher oder zumindest verfestigter Natur sind. Der einzelne Mensch hat keinen oder nur einen geringen Einfluss auf sie.
Das weiß das Weiße Kreuz auch, und es bekennt sich auch gleich zu Beginn zum Rechtsstaat und zu den Menschenrechten. Warum das so ist, werden wir weiter unten sehen. Doch schon im zweiten Abschnitt wird die Säge angesetzt. „Sexuelle Identität“ möchte das Weiße Kreuz doch lieber als „sexuelle Orientierung“ verstanden wissen. Orientierung? Natürlich, man kann schon mal die Orientierung verlieren, sich verirren und kann – mit der rechten Führung – wieder auf den rechten Weg gebracht werden. Aus einer unveränderlichen Identität ist eine veränderbare Orientierung geworden. Hier beginnt die Organisation bereits mit der Umdeutung allgemein akzeptierter Tatsachen.
Es folgt nun der Appell an das Selbstverständnis von praktizierenden Christen, „auf Verständigung und Frieden hinzuarbeiten“ und zwar explizit auch bei „Konflikte[n] um sexuelle Orientierungen“. Das klingt im ersten Moment richtig gut, doch dann stutzt der Leser – wie entstehen denn eigentlich solche Konflikte? Werden sie nicht eigentlich erst von den Religionen geschürt, die Homosexualität als Sünde verstehen und daher ablehnen? Muss nicht eine Jugendliche, die in einem religiösen Umfeld aufgewachsen ist und diese Ablehnung spürt, mit sich hadern, wenn sie plötzlich merkt, dass sie sündigt, weil sie liebt? Treibt nicht erst die Religion die Menschen in den Konflikt mit sich selbst und in die Konflikte miteinander?

Im dann folgenden Abschnitt widmet sich das Papier dem Verzicht auf Diskriminierung in der Beratung. Es begründet diesen Verzicht jedoch nicht mit den Menschenrechten oder dem Gesetz – nein, nicht vor dem Gesetz, sondern „Vor Gott sind alle Menschen gleich […]“. Und auch im weiteren Verlauf des Textes spielen Gesetze und Menschenrechte keine Rolle mehr. Vielmehr geht es von nun an um Überzeugungen – man möchte schließlich Menschen zur Einsicht bringen, zum Beispiel zur „Einsicht in die Unerreichbarkeit mancher Ziele und die Entfaltung realistischer Lebensentwürfe“. Hier wird also etwas verklausuliert deutlich gemacht, dass es nicht um die gerade noch beschworene „bestmögliche Entfaltung“ geht, sondern darum, dem Gegenüber etwas nahezubringen – nämlich dass „nur Christus das letzte Urteil über Menschen und ihr Leben zukommt.“ Es zählen also nicht die Bedürfnisse des betroffenen Menschen, sondern das Bedürfnis einer mythologischen Gestalt – oder richtiger: seiner Verwalter.
Nun kulminiert das Papier in einen Satz, den ich zur Gänze wiedergeben möchte: „Die Ideen und Absichten der Ratsuchenden dürfen nicht diskriminiert werden, indem sie als fremdbestimmt, angstbestimmt, unreif, krankhaft usw. diskriminiert werden.“ Abgesehen davon, dass das Wort „diskriminieren“ hier unsinnigerweise zweimal verwendet wird: die Ideen? Ideen können nach Ansicht des Weißen Kreuzes diskriminiert werden? Wir erinnern uns aber oben festgestellt zu haben, dass „Personen oder Gruppen“ diskriminiert werden können – aber Ideen?

Im den dann folgenden Abschnitten wird uns klar, worum es dem Papier tatsächlich geht – um eine Rechtfertigung, warum die Diskriminierung Homosexueller des Weißen Kreuzes in seinen Augen keine Diskriminierung ist, und was wir oben bereits dargestellt haben (nämlich das Verständnis von Identität als leicht veränderliche Orientierung) wird nun in den Vordergrund gestellt: „Menschen können ihre sexuelle Orientierung annehmen oder Veränderungen anstreben“. Schwule und Lesben sind also gar nicht homosexuell, die tun nur so. Es ist ein „Lebensentwurf“, ein Style, ein Modetrend.
Und nun kippt das ganze, denn das Weiße Kreuz dreht den Spieß um: wer verhindert, dass ein Mensch seine „Orientierung“ ändern will, diskriminiert nämlich selbst! Man „darf auch nicht andere Überzeugungen und Lebensentwürfe einschränken wollen“, heißt es, es wäre nämlich eine „Diskriminierung von Menschen, die für sich eine homosexuelle Praxis ablehnen“. So schnell wird im religiösen Denken der Täter zum Ankläger, ja zum Opfer selbst!
Aber es kommt noch schlimmer. Denn jetzt verlässt die Organisation den bislang angeschlagenen freundlichen Ton und stellt die klare (politische) Forderung, vom Diskriminierungsverbot ausgenommen zu werden. Das liest sich wie folgt: „Eine religiös begründete Werteposition, die zu einer Ablehnung homosexueller Praxis führt […] ist keine Diskriminierung von Menschen.“ Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus!

Rechtzeitig zum „Sexualethik-Kongress“ wurde dieses Papier noch einmal der Öffentlichkeit mitgegeben. So wie ein Hund seine „Marke“ setzt, wenn er „Gassi“ geht, um sein Revier zu kennzeichnen, so wird mit diesem Papier ein anderes Revier markiert: die Freiheit der Religionsgemeinschaften, gegen Menschenrechte und Gesetze verstoßen zu dürfen. Es ist das Grundrecht, dass als „Religionsfreiheit“ bekannt ist, und das in diesem Land noch immer ein Supergrundrecht zu sein scheint und auf das sich Religionsgemeinschaften so gerne berufen, obwohl Grundrechte eigentlich Individuen schützen sollen, nicht Gemeinschaften. Arbeiten wir besser daran, diesen Zustand zu ändern. Zum Beispiel, in dem wir die Arbeit des Weißen Kreuzes als das bezeichnen, was sie ist – als Diskriminierung.

Brunswick Cathedral, Imervard's Crucifix

Bildquelle: Wikipedia/Brunswyk

Mit der Begründung, das Kreuz wäre ja ein Symbol der Nächstenliebe, verweigert der Landrat des Kreises Gütersloh, Sven-Georg Adenauer, eben diese. Der fraktionslose Abgeordnete Dirk Hesse hatte beim Landrat um die Entfernung des im Sitzungsaal des Landratsgebäudes seit 13 Jahren hängenden Kreuzes gebeten, um Andersgläubige oder Andersdenkende nicht zu diskriminieren. Dieser Bitte will der Landrat als Hausherr jedoch nicht nachkommen, schließlich habe der Bittsteller sich ja bis dato ja auch nicht daran gestört.

Im säkularen Deutschland hängen also nach wie vor religiöse Symbole in öffentlichen Gebäuden, die der Willensfindung der bürgerlichen Gesellschaft dienen. Was haben diese dort eigentlich verloren? Sollen sie vielleicht an die „Kriminalgeschichte des Christentums“ erinnern, auf dass sich die massenhafte Verfolgung Andersdenkender nicht wiederhole? Oder geht es vielleicht um besagte Nächstenliebe, die die Christenheit den „unmoralischen Heiden“ mit allen Mitteln beibringen möchte? Oder – und das scheint mir hier plausibler – geht es doch nur um das Sichtbarmachen eines Machtanspruchs, den religiöse Vereinigungen nach wie vor nicht aufzugeben bereit sind? Um den christlichen Klüngel, der sich hier seiner Privilegien versichern will?

Wir stellen fest: In Deutschland folgt der Staat keiner der christlichen Ideologien und überlässt es seinen Bürgern, zu welcher Religion (und ob überhaupt) sie sich bekennen wollen. Der Staat verhält sich in der „Gretchenfrage“ neutral. Und das hat gute Gründe – immer dort, wo Religion staatliche Macht ausübte, landete die Vernunft auf dem Scheiterhaufen. Diese Lektion haben wir gelernt. Leider noch nicht alle, wie es scheint. Wie gut, dass das die Rechtsprechung ähnlich sieht. Wie traurig, dass wir in Deutschland noch immer diesen Weg gehen müssen.

Der von Amnesty International zu einem einjährigen Aufenthalt nach Deutschland eingeladene bengalische Blogger Asif Mohiuddin machte am 20. März auch in Bielefeld Station. Die Ortsgruppe der Piratenpartei hatte ihn zu einem Vortrag eingeladen. Dank des Einsatzes von Amnesty International konnte der in seinem Heimatland verfolgte junge Mann aus Bangladesch fliehen. Dort droht ihm aufgrund seines Einsatzes für die Menschenrechte sowie seiner Kritik an der Politik der Regierung und am Islam eine langjährige Haftstrafe. Sein Blog wurde gesperrt, so dass er zur Zeit nur Facebook als Medium nutzen kann. Doch ist es nicht nur die Regierung, die ihn verfolgt – er wurde bereits von Islamisten angegriffen und lebensgefährlich verletzt. Dass er den Angriff überlebte, ist nur dem dichten Netz an gegenseitiger Unterstützung innerhalb der Blogger-Szene zu verdanken.

Bengalisch BielefeldUns gegenüber sitzt ein in sich ruhender, strahlender, klarer und beinahe schüchtern wirkender Mann, dem man auf den ersten Blick gar nicht zutrauen mag, einer der engagiertesten und populärsten Menschenrechtler in Bangladesch zu sein. Drei Stunden verbringen wir mit ihm. Detailliert berichtet er über das politische System in seiner Heimat, immer aus einem sehr persönlichen Blick, immer verknüpft mit seiner eigenen Lebensgeschichte. Bewundernswert sein Einsatz für die Frauen Bangladeschs, mutig sein Kampf gegen religiöse Kleingeistigkeit und Bigotterie.

Für uns Mitteleuropäer kaum vorstellbar, dass nur 3-4 Prozent der bengalischen Bevölkerung Internetzugang haben – und dass dennoch ein breite Protestbewegung im Netz entstehen konnte. Die auch auf die Straßen geht. Denn der Protest ist nicht allein Sache der jungen, modernen und im Virtuellen begabten Mittelschicht, sondern es ist mittlerweile der Protest der gesamten städtischen Bevölkerung. Unermüdlich leistet die Bloggerszene Aufklärungsarbeit, informiert die Menschen und attackiert die Borniertheit der Regierungsparteien – ungeachtet der Risiken, die insbesondere aus fundamentalistischen Kreisen kommt. Viele der verführten islamistischen Männer, so berichtet Asif, sind nicht einmal in der Lage, einen Computer zu bedienen – sie kennen also die Inhalte der Blogs gar nicht, sondern berufen sich ausschließlich auf das, was ihre religiösen Führer darüber verbreiten. Und der Hass, den diese auf alles, was nicht islamkonform ist, schüren, hat schon so manchen Blogger das Leben gekostet.

Bengalisch BielefeldAsif ist in seiner Heimat von einem Gerichtsprozess bedroht. Doch nicht nur das – er hat bereits einen solchen hinter sich. Schwer erträglich wird sein Bericht nun für uns Anwesende, wenn er von den Foltermethoden spricht, die die Polizei nutzt, um Geständnisse zu erpressen. So wird er zwar selbst nicht körperlich, aber umso mehr psychisch gefoltert: über Stunden muss er zusehen, wie andere Inhaftierte – an den Füßen aufgehängt – blutig gepeitscht und geschlagen werden. Und: die erste Gefängnisstrafe, die er absitzen muss, verbringt er in einer Zelle mit denjenigen, die ihn vor Wochen lebensgefährlich verletzt hatten. Doch – ähnlich wie bei den beiden prominenten Pussy Riot-Frauen – beugt ihn die Haft nicht, sondern schärft sein Bewusstsein für die Ungerechtigkeiten des Haftsystems, für das er sich nun vermehrt engagiert. Denn, so versichert er uns abschließend, er wird auf jeden Fall in seine Heimat zurückkehren und sein Engagement fortsetzen.

Was können wir von Europa aus für ihn und den Kampf der Menschen in Bangladesch tun?, fragt jemand, bevor das Gespräch endet. Das Wichtigste das ihr für uns tun könnt, sagt Asif: informiert euch über unser Land, über unsere Situation und gebt diese Informationen weiter. Ihr helft uns, indem ihr Öffentlichkeit herstellt. Ich hoffe, diese Zeilen tragen ein wenig dazu bei.