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Einige Mitglieder der gbs-Regionalgruppe OWLAm 21. Mai 2013 trafen sich einige Mitglieder der gbs-Regionalgruppe OWL beim ersten Teil (zweiter Teil am 4. Juni) des Vortrags „Bibel und Koran: Quelle von Intoleranz und Gewalt?“ mit anschließender Diskussion. Die gut besuchte Veranstaltung wurde vom Linken Forum Paderborn organisiert und fand in der Kulturwerkstatt in Paderborn statt.

„Den drei großen monotheistischen Religionen, Judentum, Christentum und Islam, wird häufig vorgeworfen, Quelle religiöser Intoleranz und Gewalt zu sein, die sich aus ihren normativen (heiligen) Schriften (Bibel und Koran) speisen und die auch und besonders in der heutigen Zeit den Hintergrund und die Motivation insbesondere für furchtbare Terrorakte bilden oder einer religiösen Verbrämung politischer Interessen dienen. Die beiden Vorträge untersuchen das Phänomen religiös motivierter Intoleranz und Gewalt in der Hebräischen Bibel (im Alten Testament) und im Koran und versuchen, es vor seinem jeweiligen geschichtlichen Hintergrund verständlich zu machen.“
(Quelle: Veranstaltungsflyer)

Referent dieses ersten, vom evangelischen Pfarrer Christoph Keienburg (Paderborn) moderierten Abends, in dem es um die Bibel ging, war Prof. Dr. Ansgar Moenikes (Theologische Fakultät Paderborn).

Pfarrer Christoph Keienburg und Prof. Dr. Ansgar MoenikesProf. Dr. Moenikes begann mit einem kurzen Abriss der Entstehung des Alten Testaments und seines Monotheismus und zeigte dabei die Entwicklung über Polylatrie (kultische Verehrung einer Vielzahl von Göttern und Mächten) und Monolatrie hin zum Monotheismus auf, wobei letzter Schritt erst im 6. Jahrhundert v. Chr. vollzogen wurde. Während sich in der Monolatrie, also der Verehrung nur eines einzigen Gottes an einem bestimmten Ort, bei einem bestimmten Stamm oder Volk, ohne dass die Existenz anderer Götter verneint wird, Intoleranz (und daraus resultierende Gewalt) nach innen richtet, tut sie dies im Monotheismus auch nach außen.

Als Beispiel für die nach innen gerichtete Intoleranz (also gegen Abtrünnige in den eigenen Reihen) brachte Prof. Dr. Moenikes die Stelle in der Geschichte vom Goldenen Kalb (Exodus 32,25–28), wo Moses 3000 der eigenen Leute töten lässt:

Als nun Mose sah, daß das Volk zuchtlos geworden war – denn Aaron hatte sie zuchtlos werden lassen zum Gespött ihrer Widersacher –, trat er in das Tor des Lagers und rief: Her zu mir, wer dem HERRN angehört! Da sammelten sich zu ihm alle Söhne Levi. Und Moses sprach zu ihnen: So spricht der HERR, der Gott Israels: ‚Ein jeder gürte sein Schwert um die Lenden und gehe durch das Lager hin und her von einem Tor zum andern und erschlage seinen Bruder, Freund und Nächsten‘. Die Söhne Levi taten, wie ihnen Mose gesagt hatte; und es fielen an dem Tage vom Volk dreitausend Mann.

Von JHWH, dem ursprünglich einzigen Gott ausschließlich des Volkes Israels, der es aus Ägypten und der Sklaverei befreite (inwieweit dies tatsächlich historisch authentisch ist, wurde nur kurz auf eine Frage hin angerissen, mit dem Fazit, dass dies – wie vieles in der Geschichte – nicht sicher belegbar ist), ging die Entwicklung weiter zu einem JHWH, der auch für andere Völker als vorteilhaft und besser/mächtiger als andere Götter, bis hin zum einzig wahren Gott, dargestellt wird (Jesaja 45, 20.22):

Laß sich versammeln und kommen miteinander herzu die Entronnenen der Heiden, die nichts wissen und tragen sich mit den Klötzen ihrer Götzen und flehen zu dem Gott, der nicht helfen kann. […]

Wendet euch zu mir, so werdet ihr selig, aller Welt Enden; denn ich bin Gott, und keiner mehr.

Hier nun beginnen sich Intoleranz und Gewalt auch nach außen zu wenden (5. Mose 20, 16-18):

Aber in den Städten dieser Völker, die dir der HERR, dein Gott, zum Erbe geben wird, sollst du nichts leben lassen, was Odem hat, sondern sollst sie verbannen, nämlich die Hethiter, Amoriter, Kanaaniter, Pheresiter, Heviter und Jebusiter, wie dir der HERR, dein Gott, geboten hat, auf daß sie euch nicht lehren tun alle die Greuel, die sie ihren Göttern tun, und ihr euch versündigt an dem HERR, eurem Gott.

Mit Vers 18 wird auch die Begründung für die Intoleranz geliefert: die Angst vor Verführung zu „falschem Tun“, Verführung zur Anbetung „falscher Götter“. Die eigene Identität soll durch Ausmerzen von allem, das vom eigenen Glauben ablenken oder abbringen könnte, bewahrt und geschützt werden. Sowohl hier als später auch im Neuen Testament bei der Aufforderung beim großen Gastmahl (Lk 14, 23)

Und der Herr sprach zu dem Knechte: Gehe aus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, auf das mein Haus voll werde.

lässt sich Rechtfertigung für gewaltvolle Missionierung finden.

Diese oft gewaltvollen Geschichten des Alten Testaments, so betonte Prof. Dr. Moenikes, sehe er nicht als Beschreibung realiter statt gefundener Ereignisse sondern viel mehr als literarisch. Sie zeugten vor allem von dem Versuch, ein fortschrittlicheres Rechts- und Gesellschaftssystem als das bis dahin existierende zu etablieren und sollten auch immer in diesem Kontext betrachtet werden. Die alleinige Verehrung des JHWH sei der Dank, der ihm für die Befreiung Israels aus der ägyptischen Sklaverei hin zu einer egalitären Gesellschaft gerechterweise zu zollen sei. Die Bibel formuliere, im Gegensatz zur Umwelt Israels, wo der König zwischen Gott und Volk stehe, eine egalitäre Konzeption. Hier stehe das Volk ohne Mittler in einer direkten Liebesbeziehung zu seinem Gott JHWH, wobei sich diese Gottesliebe in der Nächstenliebe, die die Fremden- und Feindesliebe einschließe, verwirkliche. Sie gebe als Zusammenfassung der Gebote JHWHs die Richtung hin zu einer gerechten, solidarischen und mitmenschlichen Gesellschaft vor.

Als Beispiele dienen das Gottesliebegebot (Dtn 6,5)

Und du sollst den HERRN, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allem Vermögen.

und das Nächstenliebegebot (Lev 19,18b)

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; denn ich bin der HERR.

sowie das Fremdenliebegebot (Lev 19,33f)

Wenn ein Fremdling bei dir in eurem Lande wohnen wird, den sollt ihr nicht schinden. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der HERR, euer Gott.

Das Gottes- und Nächstenliebegebot des Alten werden auch im Neuen Testament (Mt 22,37-39) zitiert (womit auch die häufige Ansicht, die Nächstenliebe sei das Neue des Neuen Testaments, widerlegt ist):

Jesus aber sprach zu ihm: „Du sollst lieben Gott, deinen HERRN, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte.“ Das andere aber ist ihm gleich: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ In diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

Mit der Verheißung des kommenden Friedensreichs Gottes (Micha 4) schließt Prof. Dr.  Moenikes und beantwortet die eingangs gestellte Frage „Die Bibel: Quelle von Intoleranz und Gewalt?“ mit einem klaren Nein.

Diesem wollen sich aber nicht alle Zuhörer des, von Kreationisten bis hin zu Atheisten, bunt gemischten Publikums anschließen, wie Fragen und Statements in der dem Vortrag folgenden Diskussion bezeugen.

Nicht nur, dass auch dem verheißenen Friedensreich, wie sich in Micha 4 nachlesen lässt, Intoleranz und Gewalt vorausgehen,

Er [Gott] wird unter großen Völkern richten und viele Heiden strafen in fernen Landen.

auch findet sich z.B. mit Pinehas (4. Mose 25) geradezu der Prototyp eines religiös motivierten Gewalttäters in der Bibel, der seinen Eifer für Gott und seine Abneigung und Intoleranz gegen andere Weltanschauungen über das Lebensrecht Einzelner stellt und damit bis heute gewaltbereiten Christen, die z.B. Jagd auf Homosexuelle oder auch Menschen, die sich für ein Recht auf Abtreibung aussprechen, machen, als Vorbild dient.

Auch wenn Prof. Dr. Moenikes die Liebesgebote immer wieder sehr in den Vordergrund stellte, so stehen sich schlussendlich doch der intolerante und damit auch gewaltbereite monotheistische Alleinherrschaftsanspruch „Ich bin der Herr dein Gott – Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“, das Missionsgebot usw. und die Nächsten- und Fremdenliebegebote gegenüber und sind wohl kaum wirklich unter einen Hut zu bringen.

Damit bleibt meines (und wohl nicht nur meines) Erachtens nur der Schluss, dass die Bibel dem, der gewaltbereit ist, ebenso Legitimation bietet, wie dem, der seinen Nächsten lieben möchte. Die Bibel somit nicht nur aber auch Quelle der Intoleranz und Gewalt ist, denn jeder, der entsprechende Legitimation sucht, wird in ihr reichlich fündig werden.

Nicht jeder Christ wird einsehen wollen, dass die biblischen Texte nicht für unsere Zeit geschrieben wurden, dass sie in unsere Zeit „übersetzt“ werden müssen, dass sie aus Menschenhand stammen und damit den Horizont der damals lebenden Menschen widerspiegeln. Sie mögen sicher zur Zeit ihrer Entstehung einen gesellschaftlichen Fortschritt dargestellt haben, doch seit dem sind Tausende Jahre vergangen, hat es weiteren Fortschritt gegeben.

Daher ist meiner Meinung nach dem Theologen Gerd Lüdemann zuzustimmen, wenn er sagt:

„Die freiheitlich-demokratischen Ideale und Werte, die sich jetzt auch im Grundgesetz finden, wurden während der Aufklärung gegen die sich auf Gott und Bibel berufenden Kirchen durchgesetzt. Und weder der Gott Jahwe des Alten Testaments noch der Vater Jesus Christi, noch beide in einer Person, noch Allah vertreten die Werte unseres freiheitlich-demokratischen Staates. Sie müssen sie erst noch erlernen.“

Insgesamt war es ein interessanter Abend, wenn auch mir die Gegenpositionen zu den Ansichten Moenikes zu kurz kamen und einige von uns werden sicher auch am 4. Juni, wenn es mit Hamideh Mohagheghi um die Frage „Der Koran: Quelle der Intoleranz und Gewalt?“ geht, dabei sein. Besonders positiv fiel an diesem Abend auch die höfliche und freundliche Atmosphäre während der Diskussion, trotz doch sehr unterschiedlicher Meinungen, auf und es bleibt zu hoffen, dass dies auch beim zweiten Vortrag im Juni so bleibt.

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